Historischer norwegischer Zitronentrunk

IMG_9486Historische Rezepte, also richtig alte Kochanweisungen, üben auf mich einen besonderen Reiz aus. Wäre es nicht toll zu wissen, was unsere Urururgroßeltern so gegessen haben? Ich habe deshalb schon mal unseren ganzen Boden, auf dem viele Bücher lagern, durchstöbert in der Hoffnung ein möglichst altes Kochbuchexemplar zu finden. Leider erfolglos, dabei bin ich mir fast sicher, dass meine Urgroßmutter auch ein Heftchen besessen haben muss, in dem sie einiges aus ihrer Küche notiert hat. Schade, dass es wohl irgendwie verschwunden ist.

Deshalb kann ich gut verstehen, welche Begeisterung sich im norwegischen Riksarkivet (Staatsarchiv) breit gemacht haben muss, als sie auf ein altes handgeschriebenes Büchlein mit Rezepten gestoßen sind, die ungefähr aus dem Zeitraum zwischen 1750 und 1820 stammen. Spannend, auch wenn es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um Rezepte aus einem wohlsituierten Haushalt handelt, die für besondere Anlässe zubereitet wurden. Alltagsrezepte hätte man wohl kaum aufgeschrieben.

Damit nun alle etwas von dem Fund hatten, haben die Archivare einen Blog gegründet, in dem sie die Rezepte veröffentlich haben. Natürlich nicht, ohne sie vorher auszuprobieren und, wenn notwendig, etwas an heutige Verhältnisse anzupassen.

Mich hatte als erstes dieser Zitronentrunk (im Original als “Citron Suppe” bezeichnet) richtig neugierig werden lassen. Eine Art Zitronenlimo musste doch auch vor reichlich 200 Jahren ähnlich wie heute hergestellt werden, oder? Nicht ganz, es kamen Eier mit hinein. Skeptisch? Ja, war ich auch. Gerinnt nicht das Eiweiß und wird das Ei beim Kochen nicht fest oder bildet Klümpchen? Nein, es geschieht nichts dergleichen. Stattdessen wird die Säure der Zitronen angenehm abgemildert, während der Kardamom der Suppe eine interessante, irgendwie typisch norwegische, Note verleiht.

Unklar bleibt allerdings, ob die Altvorderen die “Citron Suppe” kühl oder warm gegessen oder getrunken haben. Auch ist nicht klar, welche Rolle der Zucker in diesem Rezept spielt. Im Original steht nichts davon. Er könnte natürlich beim Aufschreiben einfach vergessen worden sein oder seine Zugabe wurde für so selbstverständlich gehalten, dass er nicht aufgeschrieben wurde. Dafür würde auch sprechen, dass solche Grundzutaten in den seltensten Fällen abgemessen oder gar -gewogen wurden, vielmehr dosierte man nach Gefühl. Als letzte Alternative kann es natürlich auch möglich gewesen sein, dass man die Suppe quietschesauer gegessen hat, wer weiß. Vielleicht wollte man damit das Besondere der exotischen Zitronen herausstellen.

Für uns bleiben Fragezeichen bestehen und damit ein gewisser Interpretationsspielraum. In diesem haben wir uns entschieden, dass sich die Zutaten wie eine historische Zitronenlimonade lesen, weshalb wir den norwegischen Archivaren gefolgt sind und deshalb eine Variante mit Zucker gewählt sowie die Suppe gekühlt serviert haben.

Fazit: Wir wissen, was es beim nächsten Sommerfest als Begrüßungsdrink geben wird. Genau diesen Zitronentrunk. Ich freu mich jetzt schon darauf.

Historischer norwegischer Zitronentrunk (ca. 8 dl)

Zutaten:

  • Schale von 1 großen Bio-Zitrone
  • Saft von 4 Bio-Zitronen
  • 3,3 dl Wasser
  • 1 dl Zucker (fehlt im Originalrezept)
  • 2 Eier
  • 1/2 leicht gehäufter TL gemahlener Kardamom
  • 3,3 dl Weißwein (im Original von ca. 1750 stand Rheinwein)

Zubereitung:

Die Bio-Zitrone gut waschen, danach mit einem Zestenreißer abschälen. Den Saft von allen 4 Zitronen auspressen. Alle Zutaten in einem Topf miteinander vermischen.

Unter ständigem, kräftigem Rühren bis kurz vor dem Kochpunkt erhitzen. Dabei dickt der Trunk ganz leicht ein. Abschmecken und evtl. noch etwas Kardamom ergänzen.

Alternativ könnte ich mir vorstellen, dass man den Wein erst nach dem Erhitzen des Trunks zusetzen kann, wenn man auf den Alkoholgehalt Wert legt. Das bliebe bei nächster Gelegenheit noch einmal auszuprobieren.

Danach unter gelegentlichem Rühren abkühlen lassen. Wenn es schnell gehen sollen, den Topf am besten in ein Wasserbad mit eiskaltem Wasser setzen.

Den Trunk durch ein Sieb gießen und dabei in eine Karaffe umfüllen. Bis zum Servieren kühl (modern: im Kühlschrank) aufbewahren.

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